Konzert mit Thilo Schölpen

Kraftwerk am Klavier: Ein Abend zwischen Elektronik und Romantik

In der AACHENER EINS EINS 4 herrschte mal wieder diese besondere Atmosphäre, die nur Wohnzimmerkonzerte schaffen: intim, warm, direkt. Kein Abstand zwischen Publikum und Künstler, keine Bühne, die trennt. Nur Thilo Schölpen am Klavier und ein gut gefüllter Raum voller Menschen, die gespannt lauschten.

Schölpen begann mit "Computerwelt" von Kraftwerk. Seine linke Hand baute präzise Ostinato-Figuren auf, repetitive Muster, die an die originalen Synthesizer-Sequenzen erinnerten. Die rechte Hand suchte derweil den Raum für Improvisationen, spielte mit Melodiefragmenten, verfremdete sie, kehrte zurück zum Thema. Jedes Stück modulär aufgebaut, ohne Noten gespielt, jedes Mal etwas anders variiert.

Seine Kraftwerk-Interpretationen changieren zwischen minimalistischer Strenge und romantischen Klanglandschaften. Was bei Kraftwerk programmiert und perfekt getaktet ist, wird bei Schölpen lebendig, atmet, variiert. Die Elektronik-Pioniere hätten ihre Freude gehabt. Hits wie "Autobahn", "Computerliebe" oder "Heimcomputer" erstrahlten in völlig neuem Soundgewand, die Kraftwerk-Miniatur "Neonlicht" gar zart und melancholisch.

Nach "Trans Europa Express" brandete minutenlanger Applaus auf. Schölpen wirkte fast verlegen ob der Begeisterung, nickte verlegen, wartete, bis Ruhe einkehrte. Das Publikum hing an seinen Fingern.

Doch nicht nur mit seiner Musik wusste Schölpen zu begeistern, sondern auch mit seinen Erläuterungen zu seinem Spiel - und mit einer Anekdote aus Mallorca: Beim Festival Canibalismo Cultural verbrannte er mit anderen Performern ein Klavier am Spieß. Die verkohlten Tonhämmer reichte er anschließend als Snack ins Publikum. Performance-Kunst trifft auf Humor. Das Publikum amüsierte sich und verstand: Hier steht ein Künstler, der Grenzen auslotet.

Eine Stunde verging wie im Flug, der Schlussapplaus wollte nicht enden. Das Publikum stand auf, klatschte, rief nach Zugabe. Es folgte eine Eigenkompositionen aus "Across The Universe". Persönliche Auseinandersetzung mit Popmusik, gefiltert durch Jazz-Harmonien und experimentelle Klangfindung. Seine Finger tanzten über die Tasten, suchten Dissonanzen, lösten sie auf, fanden neue Wege durch bekannte Akkordfolgen.

Ein rundum gelungener Abend, der noch lange nachwirkt.

 

 

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